Fenster zum Hof in Kassel


Was bringt einen nach Kassel? Alle fünf Jahre gibt es hierzu einen Grund. Alle fünf Jahre reißt die künstlerische Avantgarde die Stadt aus ihrer deutschen Biederness und tausende von Bildungsbürgern, Möchtegernkünstlern und Kunstvoyeuren überschwemmen die Stadt auf der Suche nach Konventionsbrüchen und Unerklärbarem. Der Stadt tut der Fünfjahresrhythmus nicht wirklich gut. Irgendwie scheint sie aus der Zeit gefallen und spiegelt doch den typisch deutschen Alltag wieder. Gefangen zwischen der schwungvoll fröhlichen, doch leider hoffnungslos verstaubten Typographie der 50er, den braun und ockernen Nichtfarben der 60er, der Parkhausarchitektur der 70er und einer unzähligen Anzahl an Dönerbuden, Nagelstudios, Telekomspots und Tattooläden, die sich schamlos seit den 80ern ausbreiten, versammelt sich in Kassel alles, was deutsche Städte hässlich macht. Wer hier übernachtet, der hat mehr die Qual als die Wahl. Ganz besonders, wenn der 5-Jahres-Zyklus wieder zu Ende ist und sich die Kunstelite (und ihr Publikum) in der Stadt ausbreitet. Glücklich kann sich schätzen, der dann bei einem Künstler unterkommt. Wenn schon die Herberge zum Konzept des Besuchs der dOCUMENTA  wird und gleichsam ihr Motte aufgreift. „Colapse and Recover“ war das Motto der 13. dOCUMENTA und wer bei Elfi & Pitze Eckart im „Fenster zum Hof“ absteigt, der bekommt eine Menge „Colapse“ und ein bisschen „Recover“. Bewanderte Kunstkenner und Komunarden kennen das Phänomen bestens von ihrem Besuch der Christiania in Kopenhagen: das Verschmelzen von Gebrauchsgegenstand und Zivilisationsmüll, die überraschende Ästhetik, die Gebrauch und Zeit mit sich bringen, die Sonnenbleiche, Rost und Frost gestalten, sowie das Staunen über Gegenstände, die man doch schon längst in den Tiefen eines Flohmarktes oder in den Glutöfen einer Müllverbrennungsanlage verschwinden hat sehen. All das kann man in Kassel sehen und ganz besonders auf dem Hof, im Garten und in zahlreichen Zimmern vom „Fenster zum Hof“. Eine Nacht hier ist für Zivilisationsjunkies sicher ausreichend, jedoch für das tiefe Verständnis des Künstlers, seiner Lebensweise und Schaffensperiode und damit der dOCUMENTA unumgänglich. Übernachten kann man im Wohnwagen (oder Hausboot) auf dem Hof, oder im Zimmer. Jedes Zimmer hat ein eigenes Motto und die Gänge hängen und stehen voll Kunst von Pizzi. Sie zeigt auch gerne ihren Ausstellungsraum auf Anfrage. Wichtig zu wissen ist, dass im Gemeinschaftsbad ist die Badewanne leider schon besetzt ist: von einer Papyrus-Pflanze (ob dies zum einfacheren Bewässern geschehen ist, oder künstlerische Freiheit, bleibt dem Betrachter überlassen). Bevor ihr frühstückt, solltet ihr euch die Küche und den Gemeinschaftsraum ansehen. Ansonsten möchte ich das liebevoll gestaltete Zimmer „Ziege“ empfehlen, das nach dem Märchen von den „7  Geißlein und dem bösen Wolf“ gestaltet wurde. Man sollte wissen, dass Kassel die Geburtsstadt des Kunstmärchens ist und die Stadt für ihre Gebrüder Grimm eigens ein Museum eingerichtet hat. Kassel ist auch das Zentrum der Deutschen Märchen Straße. Also doch noch ein Grund, mal nach Kassel zu kommen.

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